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l E S E P R O B E
Buchcover

Prolog

Eine Wolke aus tausend schwarzen Punkten tanzt am Himmel. Sie dreht Kreise und schlägt Wellen, kommt näher und entfernt sich wieder, steigt hoch und sinkt. Sie verändert ständig ihre Form und bleibt doch immer eins. Als wären die schwarzen Punkte, die sie bilden, miteinander verbunden. Wer die Wolke sieht, kann den Blick nicht von ihr lassen. Er verfolgt sie fasziniert und versucht, ihr Inneres zu ergründen, Individuen auszumachen. Von nahem sieht die Wolke aus wie ein wildes Durcheinander. Doch es muss eine Ordnung geben, denn die Schwingen, die die Wolke tragen, berühren sich nie.

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Brutzeit

Nach dem Abendessen blieb Familie Kern noch am Tisch sitzen. Ada und Piet sassen Ella gegenüber, Ada mit auf dem Tisch verschränkten Armen, Piet auf seinem Stuhl fläzend. Chris, der am Tischende sass, hob Jil aus ihrem Kinderhochstuhl und setzte sie auf seine Schoss, von wo aus sie gleich versuchte, das Geschirr, das noch auf dem Tisch stand, zu erhaschen. Chris schob seinen Teller etwas weiter von ihr weg. Canelle, die Familienhündin, blickte kurz aus ihrem Halbschlaf unter dem Tisch hoch. Als Chris sich in seinem Stuhl zurücklehnte, streckte die Hündin sich, gähnte und legte ihren Kopf auf Ellas Füsse.

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Ella blickte in die Runde. «Nun? Seid ihr damit einverstanden, dass Penny zu einer Probewoche zu uns kommt?» «Und dann?», fragte Ada. «Dann schauen wir, ob’s passt.» «Wir? Das heisst, wir dürfen auch mitentscheiden?», fragte Piet und rutschte auf seinem Stuhl nach hinten, die Unterarme auf dem Tisch abgestützt. Ella lächelte. Ihr Sohn überraschte sie immer wieder mit seiner Hellhörigkeit. Vor allem, weil sie die meiste Zeit das Gefühl hatte, er höre gar nicht zu. Sie nickte. «Ja, deshalb sprechen wir darüber. Weil ihr nicht nur mitentscheiden dürft, sondern auch müsst. Es betrifft euch auch, wenn sie in unsere Familie kommt. Penny ist in eu-rem Alter und ihr werdet ihr vielleicht helfen können,

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vielleicht Vorbild genug, sein. Euch möglicherweise auch über sie ärgern. Was auch immer. Ihr seid auf jeden Fall alt um mitzu-entscheiden, ob es für euch passt.» Piet zuckte mit den Schultern. «Dann kann ich Frau Huser sagen, dass wir mit der Probewoche einverstanden sind?» «Frau Huser?» Piet blickte seine Mutter kurz an, senkte dann den Kopf wieder und fläzte sich erneut in seinen Stuhl. Ella atmete tief ein. «Das ist die Beiständin. Sie war heute Nachmittag auch da und sass neben Pennys Mutter.» «Aha.» Piet stützte sich auf dem Tisch ab und erhob sich, während er langsam den Stuhl mit seinen Beinen zurückschob. Ella zog eine Augenbraue hoch. Er grinste kurz in ihre Rich-tung. «Von mir aus okay.

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Ich geh noch skaten.» Ella nickte einmal und schaute dann ihre Tochter an. «Ja, ich denke, sie ist nett», sagte Ada. «Das denke ich auch», sagte Chris. Er nahm Jil auf seinen Arm, die mit ihren Händchen über ihre Augen rieb. Dann stand er auf und gab seiner Frau einen Kuss. «Dann also los. Ich brin-ge die Kleine hoch.» Ella nickte. «Okay, ich komme gleich nach.» Sie lehnte sich im Stuhl zurück. Dann also los. Es kam wieder ein Pflegekind zu ihnen. Nach vier Jahren Pause. Als sie damit begonnen hat-ten, war Ada im Kindergartenalter, Piet erst drei Jahre alt. Und sie und Chris hatten die Idee gehabt, einem zusätzlichen Kind einen Platz zu geben. Im Haus und in der Familie. Aber es kam nicht so, wie sie es sich vorgestellt

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hatten. Es kam nicht ein Pflegekind zu ihnen, es kamen immer wieder neue. Kinder und Jugendliche, die einen Ort zum Leben brauchten und Menschen, die sich um sie kümmerten. Solange, bis der Sturm, in den sie geraten waren, sich gelegt hatte. Manchmal war es ein Streit zwischen Erziehungsberechtigten, manchmal waren psychische Probleme der Auslöser, manchmal einfach Überforderung. Und dann brauchten Kinder und Eltern eine Auszeit, in der die Situation neu geregelt wurde. Ella gefiel das Bild, dass sie ein Hafen waren, an dem die Kinder anlegten, bis die Wogen sich geglättet hatten. Einige von ihnen blieben ein halbes Jahr, andere nur wenige Wochen. Für Ada und Piet war es normal, dass noch

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andere Kinder bei ihnen wohnten. Die meisten der bisherigen Pflegekinder waren älter als sie gewesen und hatten andere Interessen. Doch mit zuneh-mendem Alter war vor allem Piet empfänglicher geworden für die fremden Angewohnheiten, vor allem für die schlechten. Chris und Ella hatten deswegen beschlossen, vorerst keine weiteren Pflegekinder aufzunehmen, sicher keine, die nur vo-rübergehend platziert wurden. Dann bekamen sie mit Jil vor eineinhalb Jahren noch ein eigenes Kind. Die Anfrage vor einer Woche kam unerwartet. Aber der Platz war noch immer da. Und dieses Mal wäre das Pflegekind nicht älter und erfahrener als die eigenen Kinder. Das Mädchen, das kommen sollte, hiess

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Penny und war mit 14 Jahren im gleichen Alter wie Piet. Und für Ada mit 16 eine jüngere Schwester. Ihre Kinder standen mit beiden Beinen im Leben und hätten im besten Fall sogar eine ausgleichende Wirkung auf Penny. Ella hatte nach dem Treffen am Nachmittag zumindest den Eindruck, dass es passen könnte. Und vielleicht wäre es dieses Mal für länger. Die Beiständin, die Ella und Chris von früher kannten, ging jedenfalls davon aus. Ada und Piet hatten auch nichts dagegen. Fehlte also nur noch Pennys Antwort.

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Penny lehnte sich an die Tür ihres Zimmers. Ihre Mutter hatte sich gleich wieder verabschiedet, nachdem die Beiständin sie zuhause abgesetzt hatte. Penny hatte nicht gefragt, wohin sie gehe oder wann sie zurückkomme. Sie überlegte, ihre Freundin Yala anzurufen. Oder sollte sie gleich zu ihr gehen? Sie schaute sich um, betrachtete das Bett, den Schrank, den Spiegel, der noch immer nicht aufgehängt war, den Tisch mit der bemalten Tasse und den Schreibutensilien darin. Sie wollte ihr Zimmer jetzt nicht sofort wieder verlassen. Ihr Refugium. Und was, wenn sie es doch verlassen musste? Für längere Zeit oder gar für immer? Sie könnte sich unter dem Bett verstecken. Wie früher, wenn Mama

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jemanden mit nach Hause brachte, den Penny nicht kannte. Es war völlig unnütz. Niemand hatte je die Zimmertür geöffnet, um sie zu holen, noch nicht einmal, um Gute Nacht zu sagen. Und es würde auch jetzt niemand kommen. Sie war es, die gehen sollte. Zu Menschen, die sie eben zum ersten Mal gesehen hatte. Sie zog ihre Jeans aus und die Trainerhose an, holte ihr Tagebuch aus der Tischschublade, nahm einen Stift aus der Tasse und legte sich damit bäuchlings aufs Bett. Dann zog sie die Kapuze über ihren Kopf.

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Mittwoch, 6. Oktober

Liebes Tagebuch, heute haben wir die Pflegefamilie besucht, zu der ich vielleicht komme, wenn Mama in den Entzug geht. Marianne hat uns hingefahren. Die wohnen in einem Dorf, vor der Stadt. Weiss nicht, wie ich von der Schule dort hinkommen soll. Da verlauf ich mich bestimmt. Die Strassen in ihrem Quartier sehen alle gleich aus. Und die Häuser in der Strasse auch. Bei der Familie würd ich im obersten Stock schlafen. Hätt ich immerhin Ausblick. Mama hat gesagt, da wäre es sicher viel ruhiger als bei uns in der Stadt. Ich hab mir gedacht, das kann ihr sowas von scheissegal sein!

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Sie geht da ja nicht hin und langweilt sich zu Tode, sie bekommt nicht plötzlich «Geschwister», die dich nur anglotzen und kein Wort sagen. Der Junge hat den gleichen Jahrgang wie ich, geht aber zum Glück nicht in die gleiche Schule. Das Mädchen ist 16 und im Gymnasium. Die meint sich ziemlich! Schöner Pulli, hat sie zu mir gesagt. Hallo? Ich kann anhaben, was ich will, egal ob es der gefällt. Dann gibt es noch ein Baby, oder fast noch Baby. Ich durfte rasch in ihr Zimmer, wo sie geschlafen hat. Sie ist süss! Aber das Beste kommt zum Schluss: Canelle!! Eine fünfjährige Bassetdame mit beigem Fell. So schön! Sie hat gebellt, als wir reinkamen und gleichzeitig mit dem Schwanz gewedelt. Ein richtiger Begrüssungstanz war das, was sie

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da aufgeführt hat. Dann hat sie an meiner Hand geschnuppert und ich konnte sie streicheln. Ein Hund!!!! Ich liebe sie schon. Ich soll mal eine Woche zur Probe da wohnen. Und dann entscheiden. Ist mir schon klar, dass ich irgendwohin muss, wenn Mama im Entzug ist. Aber Marianne findet, ich könnte dann gleich bleiben. Damit ich mich um meine Zukunft und um die Schule kümmern kann. Denkt die denn, ich könnte das hier zuhause nicht? Und wer kümmert sich dann um Mama? Sag mir das mal!!!

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